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„Unser letzter Besuch galt Truada, dem Schmied, der noch die alte Kunst beherrschte, in einem eigenartigen Ofen Magnetitkörner aus dem Sand der Bergflüsse in schmiedbares Eisen zu verwandeln. Es ist auch der Schmied, der die Zeremonien bei den Totenklagen leitet, aber auch Krankheiten heilt, Träume deutet, Diebe entlarvt, den Streit schlichtet und die Waffen und Jagdgeräte mit Zaubersalben einreibt. Er ist es, der als Fürsprecher mit den Armen verkehrt und mit Opfern die Götter beschwichtigt. Und es ist wiederum Truada, der mit Hilfe von Steinen oder Krabben das Orakel befragt. In vielen Nöten und Ängsten und vor wichtigen Entscheidungen wendet man sich an den Schmied und fragte ihn, den Vermittler zwischen Menschen und Göttern, um Rat. Von Truada wollten wir uns als verabschieden, wir kletterten zu ihm hinauf zu seinem mächtigen Gehöft am Berghang, setzen uns zu ihm, und er befragte bald die Krabbe, ob unsere Reise zurück über die Wüste und das Meer gut verlaufen werde. Oft genug hatte ich ihm ja bereits zugesehen, wie ein Ratsuchender andächtig der Deutung des Orakels lauschte und dem alten Mann dafür ein Hohn überreichte. Auch ich bezahlt eine fette Henne für das, was ich dann vernahm. In einer zu zwei Drittel gefüllten Tonschale hatte der Schmied so viel Wasser hineingeschüttet, bis es etwa doppelte Daumennagelbreite über dem Sand stand. Dann steckte er ringsum dem Sand entlang paarweise Hirsestrohhalme ein, vielleicht zwei Dutzend Paare, Symbole für zweibeinige Menschen, und zwei dieser Hölzchen gehörten also mir.In der Mitte der Schüssel baute er einen Turm; er schichtete allerlei Symbole auf, die er aus den Schalen zerbrochener Kürbiskalebassen geschnitzt hatte. Da war ein längliches Rechteck als Symbol für den Weg; eine Schlange, so lang wie mein kleiner Finger, bedeutete Not oder Gefahr, ein kreisförmiges Stück die Frau, meine Frau. Da waren zu einem gebrechlichen Gebilde Krankheit und Glück aufgebaut, auch Reichtum und Armut, Not und Tod, Freude und Erfolg.Nach diesen Vorbereitungen steckte Truada die Hand durch den engen Hals eines Kruges, packte eine kinderhandgroße Flusskrabbe, spuckte sie an, streckte sie gegen den Himmel und rief mit einem Zauberspruch Dzikile an, die Gottheit, die sich mit den Menschen abgibt. Er legte nun die Krabbe rücklings ins Wasser der großen Schale und stülpte einen Korb darüber. Etwa nach einer Stunde hob Truada den Korb sachte weg, versorgte die Krabbe im Krug und betrachtete nun die Spuren, welche das Tier gezogen hatte. Er untersuchte die Schäden, die es in der Ordnung zwischen Menschen und Symbolen angerichtet hatte und begann sie zu deuten. Viel war nicht geschehen in dieser Zeit, während die Krabbe sich in ihrem Gefängnis getummelt und die Mensch und ihr Schicksal durcheinandergebracht hatte. Berührt hatte sie den Weg, das Glück und meine Frau, die sich ja nach mir sehnte wie ich mich nach ihrer Nähe. All die bösen Symbole, schwere Krankheit, Unglück und Not, hatte das Tier gemieden: Sie lagen unverschoben noch an ihrem alten Platz.So sagte mir Truada eine glückliche Heimreise voraus, ein fröhliches Wiedersehen mit den Meinen. Er verhieß mir nur freundliche Dinge, nichts Böses und kein Ungemach. Und so geschah es denn auch. Die Krabbe hatte die Wahrheit gesprochen.” Aus René Gardi, Alantika, Bergland in Kamerun, 1981 Ein richtiger Ethnologe muss irgendwann einmal draußen gewesen sein, und das nennt man dann Feldforschung betreiben. So macht sich auch Nigel Barley auf in den Dschungel. Nicht gleich nach Afrika, sondern zunächst in den der Ämter und Behörden. Volle zwei Jahre dauert es, bis er endlich nach Nord-Kamerun zu den Dowayos kommt. Ebenso lang bleibt er dort, obwohl seine erste Bekanntschaft mit Afrika beinahe seine letzte geworden wäre. Gross ist die Kluft zwischen ethnologischer Fachliteratur und afrikanischer Wirklichkeit. So tritt Baley erst einmal in alle Fettnäpfchen, die eine fremde Kultur bereithält. Trotz de vielen Widrigkeiten kommt doch Forschungsmaterial zusammen und er beginnt, die afrikanische Welt zu verstehen. Seine Notizbücher, die wissenschaftlich verarbeitet werden sollten, wollen sich so gar nicht zu dem fügen, was ethnologische Wissenschaft sein soll. Also setzt sich Nigel Barley hin und schreibt stattdessen sein Buch Traumatische Tropen, Notizen aus meiner Lehmhütte, auf Deutsch erschienen im DTV. „Die Dowayos teilen die Krankheiten in vier Gruppen auf, je nachdem, ob sie durch Ansteckung, durch Kopfzauber, durch Einwirkung der Ahnengeister oder durch Übertragung hervorgerufen sind. Nur ansteckende Krankheiten oder zufällige Verletzungen, an denen Zauberei schuld sein mag, lassen sich mit Hilfe von Kräutern heilen. Bestimmte Krankheiten bestimmten Krankheitsursachen zuzuordnen, ist ein ziemlich kompliziertes Verfahren. Bei manchen Krankheiten beziehen sich die Namen sowohl auf die Symptome als auch auf den verursachenden Faktor. Um Symptome mit Krankheiten in Zusammenhang zu bringen, werden verschiedene Formen der Wahrsagerei angewendet. So kann man einen Heilkundigen holen, damit er die Innereien eines Huhns in Wasser wirft. Oder der Fachmann betrachtet den Kranken durch eine Glaskugel und kann auf diese Weise feststellen, an welcher Krankheit er leidet.“ Noch heute leben die Dowayos und Koma in relativer Zurückgezogenheit. Eine Reise zu den verschiedenen Dörfern ist beschwerlich und es gilt auf allen Luxus zu verzichten. Auch braucht es Zeit und viel Überzeugungskraft des einheimischen Reisebegleiters, um die Besucher mit den Einheimischen zusammen zu bringen. Die Besuche von Touristen verändern die Dowayos kaum, wohl aber die Besucher. |
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